Wie konnte aus dem großen Versprechen sozialer Medien – mehr Demokratie, mehr Meinungsfreiheit, mehr politische Teilhabe – ein Ökosystem werden, in dem Hate Speech, Desinformation und Populismus florieren?
Wie wurde aus einer Technologie, die einst den freien Zugang zur Welt und den Austausch von Informationen versprach, ein System algorithmisch gesteuerter Feeds, dessen Geschäftsmodell darauf beruht, unsere Aufmerksamkeit möglichst lange zu binden?
Und wie konnten Plattformen, die zunächst vor allem versprachen, uns miteinander zu verbinden, mithilfe unserer Daten zu einigen der mächtigsten Unternehmen der Welt aufsteigen?
Diese Fragen beschäftigen viele, die noch immer von den Chancen sozialer Medien überzeugt sind, aber das Vertrauen in große Konzerne wie Meta (Facebook, Instagram) oder X weitgehend verloren haben. Was es braucht, sind nicht nur europäische Alternativen, die an das alte Versprechen sozialer Medien anknüpfen und sich an datenschutzrechtliche und ethische Standards halten, sondern auch die Bereitschaft der Nutzer*innen, ihre Gewohnheiten zu ändern.
Denn in der Regel sind es Netzwerkeffekte, die über den Erfolg eines sozialen Netzwerks entscheiden: Ob sich eine Plattform durchsetzt, hängt eng mit der Zahl bereits registrierter Nutzer*innen zusammen, weshalb etablierte Anbieter wie X oder Facebook selbst bei wachsender Unzufriedenheit schwer zu verdrängen sind.
Europäische Netzwerke
Nebenan.de ist mit über 4 Millionen Nutzer*innen Deutschlands größtes soziales Netzwerk für lokale Nachbarschaften. Statt um globale Vernetzung geht es bei Nebenan.de gezielt um den eigenen Wohnort. Im Zentrum stehen der Austausch und die gegenseitige Nachbarschaftshilfe. Zudem lassen sich neue Kontakte knüpfen (auch generationsübergreifend), Gruppen finden und Veranstaltungen organisieren – alles unkompliziert in der eigenen Nachbarschaft. Damit setzt das Netzwerk tatsächlich den Fokus auf die Stärkung des sozialen Austauschs, ist aber auf Nachbarschaften begrenzt. Eine Stärke und Schwäche gegenüber herkömmlichen sozialen Netzwerkseiten zugleich. Um sicherzustellen, dass alle Nutzer*innen tatsächlich in der Nachbarschaft wohnen, werden bei der Anmeldung die Adressen verifiziert. Zudem legt der Dienst hohen Wert auf den Datenschutz. Finanziert wird der Dienst über Gewerbeprofile und Werbung lokaler Unternehmen. | |
| WSocial ist eines der jüngsten sozialen Netzwerke, das eine Alternative zum dem inzwischen von Elon Musk übernommenen Nachrichtendienst X (ehemals Twitter) bieten soll. Hinter dem sozialen Netzwerk steht das schwedisches Start-Up W Social AB, das den Schwerpunkt auf Datenschutz und Konformität mit dem europäischen Recht setzt. Seit Juni 2026 ist der Dienst für die Allgemeinheit zugänglich. Die Server stehen ausnahmslos in Europa und jeder Account wird als echter Mensch überprüft. So sollen Fake-Profilen und Bots, die Fake News, Hass und Hetze verbreiten, vorgebeugt werden. Dafür läuft die Verifizierung im Netzwerk über den Chip im Personalausweis. Die Daten verbleiben jedoch auf dem eigenen Gerät und werden nicht von dem Unternehmen gespeichert. Eine Klarnamenpflicht gibt es nicht. Die Einhaltung europäischer Datenschutzrichtlinien soll zudem verhindern, dass die Daten der Nutzer*innen gesammelt werden, um sie mit Werbung oder anderen Inhalten und zu beeinflussen. | |
Die derzeit sichtbarste Alternative ist Mastodon, ein dezentrales Kurznachrichtennetzwerk, das an X (früher Twitter) erinnert, aber technisch anders funktioniert. Statt einer zentralen Plattform besteht Mastodon aus tausenden unabhängig betriebenen Servern, die miteinander kommunizieren – ähnlich wie E-Mail-Anbieter, die sich trotz unterschiedlicher Betreiber gegenseitig Nachrichten zustellen. Finanziert wird es vor allem durch Spenden. An den Nutzerzahlen zeigt sich aber das Problem des eingangs erwähnten Netzwerkeffekts: Nach einem Wachstumsschub 2022 durch Elon Musks Twitter-Übernahme sind die monatlich aktiven Nutzer*innen wieder deutlich zurückgegangen, auch wenn die Zahl der registrierten Konten (rund 10 bis 15 Millionen) weiter wächst. Die meisten Konten sind inaktiv. Ein typisches Muster bei Plattformen, die zwar in Wellen neue Nutzer*innen anziehen, aber die kritische Masse für dauerhaften aktiven Austausch nicht halten können. |
